(1753–1814)
Nicht weil sich die Lebensgeschichte des Grafen von Rumford wie ein Märchen oder ein spannender Roman liest, sondern weil er durch seine Beobachtungen und Untersuchungen über das Wesen der Wärme einen wichtigen Beitrag geleistet hatte, wird seiner hier gedacht.
Benjamin Thompson kam am 26. März 1753 in Woburn (Massachusetts), wohin seine englischen Vorfahren ausgewandert waren, zur Welt. Innert 2 Jahren nach seiner Geburt starben Vater und Grossvater, doch war für den Jungen gesorgt. Dieser machte eine kaufmännische Lehre, arbeitete in Boston, las viel, bastelte Feuerwerk, bis ihn eine Explosion beinahe umbrachte. Er besuchte Vorlesungen am Harvard College und, weil er keine Arbeit fand, gründete er in Concord, das früher Rumford geheissen hatte, eine Schule. 19-jährig heiratete er eine 14 Jahre ältere, begüterte Witwe, deren einflussreicher Verwandter ihm eine Majorsstelle im Provinzialregiment zuhielt. Da er zum englischen König hielt, wurde er des Verrats an der Freiheit bezichtigt und musste auf ein englisches Schiff flüchten und später die Nachricht vom Rückzug der Engländer nach London bringen. Seine Frau und sein Töchterchen sah er nicht mehr. In London wurde Thompson sofort im Kolonialamt eingestellt, und er rückte 1780 zum Unterstaatssekretär auf. In der Freizeit stellte er Versuche über die Triebkraft des Schiesspulvers und über die Festigkeit der Materialien an.
Mit 29 Jahren übernahm er als britischer Oberstleutnant das Kommando eines Regimentes gegen amerikanische Freiheitskämpfer, kam aber, weil gerade Frieden geschlossen worden war, nicht mehr zum Einsatz. Noch zum Obersten befördert, nahm er von König Georg III. Urlaub, um seine Dienste in Wien anzubieten. Der bayrische Gesandte in London empfahl ihn dem Kurfürsten Karl Theodor in München, der den flotten, etwa 1,8 Meter grossen Offizier gleich anstellen wollte. Thompson reiste nach London, um die Einwilligung des Königs einzuholen. Dieser bewilligte ihm die Annahme des Postens und erhob ihn am 23. Februar 1784 in den Adelsstand (Sir Benjamin). In München betraute der Kurfürst seinen zum Kammerherrn und geheimen Rat ernannten Engländer mit der Abklärung der Missstände im Heer, worauf Thompson in seiner Eigenschaft als Generalmajor, Staatsrat und Kriegsminister durchgreifende Reformen einführte (Militärschulen, Pferdezucht, militärische Arbeitshäuser, in denen Bettler zur Arbeit erzogen und Uniformen hergestellt wurden). Er führte die Watt'sche Dampfmaschine, aber auch die Kartoffel in Deutschland ein. In der Kanonengiesserei zu München stellte er beim Bohren der Geschützrohre eine immense Wärmeentwicklung fest, mit der er grosse Mengen Wasser zum Sieden bringen konnte. Er stellte Rechnungen an und untersuchte die Sache, wobei er das selber erfundene Calorimeter brauchte. Während zu jener Zeit die Auffassung vertreten wurde, Wärme sei ein Stoff, kam Sir Thompson durch genaue Wägungen zur Überzeugung, dass dem nicht so sei; Wärme müsse etwas mit Bewegung zu tun haben, meinte er und stellte sogar eine Beziehung zwischen erzeugter Wärme und mechanischer Arbeit auf. Diese Formel war allerdings falsch, erst Robert Mayer fand 1845 die richtige.
Zum Dank für die erfolgreichen Reorganisationen erhob Kurfürst Karl Theodor Thompson im Jahre 1797 zum Reichsgrafen, und von da an nannte er sich, in Erinnerung an seinen Geburtsort, Graf von Rumford. Dort, in Rumford (Concord), war gerade in diesem Jahr seine Frau gestorben. Im folgenden Jahr machte Graf Rumford eine Erholungsreise nach Italien, auf der er ernstlich erkrankte. Nach München zurückgekehrt, beschloss er eine Reise nach London, um dort seine Berichte und wissenschaftlichen Arbeiten drucken zu lassen. Aber bei seiner Ankunft in London wurde ihm ein Koffer mit vielen Manuskripten gestohlen.
Begleitet von seiner aus Amerika hergereisten Tochter, kehrte er nach München zurück, das gerade vom französischen Heer bedrängt wurde. Der Kurfürst bevollmächtigte den Grafen und floh. Rumford gelang es, die Gefahr abzuwenden, und bei der Rückkehr des Fürsten wurde Thompsons Tochter zur Reichsgräfin erhoben.
Im August 1798 ernannte der Kurfürst den Grafen zum neuen bayrischen Gesandten am britischen Hof. Bei seiner Ankunft in London musste er jedoch vernehmen, dass König Georg mit dieser Ernennung nicht einverstanden sei, weil Thompson ja immer noch Engländer sei.
Graf Rumford, der schon 1779 Mitglied der Royal Society geworden war, widmete sich wieder der Wissenschaft, hielt Vorträge über die Wärme und bereitete zusammen mit Sir Banks die Gründung der Royal Institution vor, an die er Davy und Young als erste Professoren berief. Er überwarf sich dann mit Davy. Weil 1799 der Kurfürst gestorben war, wollte er nicht mehr nach München zurück und zog nach Paris. Auf einer Reise lernte er die geistreiche Witwe Lavoisiers kennen und schloss 1805 mit ihr die Ehe. Die schöne Dame erwies sich jedoch als streitsüchtig, weshalb er sich 4 Jahre später wieder von ihr trennte.
Betreut von seiner Tochter, zog sich Graf Rumford nach Auteuil zurück, hielt ab und zu einen Vortrag an der Akademie, stiftete für die Royal Society und die Philosophische Gesellschaft in Philadelphia Preise für wichtige Arbeiten über Licht und Wärme (Rumford-Medaille).
Am 21. August 1814 starb er an Nervenfieber. Graf Rumford beherrschte neben dem Englischen Deutsch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Auf seine Erfindungen nahm er keine Patente. Er galt als äusserst enthaltsam, trank er doch nur Wasser. Zu seinen Genüssen zählten Billardspiel und Schach.
Die Münchner errichteten dem Grafen im Englischen Garten, der aus Rumfords Truppenübungsplatz entstanden war, ein Denkmal.