(1540–1603)
Die Engländer nennen Gilbert den «Vater der Elektrizitätslehre». Zwar waren den Griechen, Ägyptern und Chinesen gewisse elektrische und magnetische Erscheinungen bekannt, aber sie wurden mit viel Mystik umgeben. Auch Gilbert vermutete, unsere Erde und die Planeten seien beseelt, und sowohl magnetische als auch elektrische Kräfte seien auf Seelenkräfte zurückzuführen. Er ging dann aber als Erster den verschiedenen Phänomenen systematisch nach, indem er Versuche anstellte. Die Ergebnisse seiner Arbeiten, die sich über etwa 20 Jahre erstreckten, fasste er im lateinisch geschriebenen, im Jahre 1600 publizierten Buch «De magnete» zusammen.
Versuche an einem kugeligen Magneteisenstein – er nannte ihn Terrella – führten ihn zum Schluss, die Erde sei ein riesiger Magnet. Er untersuchte das Verhalten der Magnetnadel, kannte die magnetische Deklination und Inklination. Er entdeckte, dass Eisen magnetisch wird, wenn man es hämmert, während es in Nord-Süd-Richtung liegt, und dass die Magnetisierung beim Erhitzen verschwindet.
In einem Zwischenkapitel seines Buches beschreibt er eine zweite Naturkraft und gibt ihr den Namen «Elektrizität». Er kannte die Reibungselektrizität nicht nur an Bernstein, Granat und andern Mineralien, sondem auch an Schwefel, Glas und Siegellack. Elektrisierbare Körper nannte er Electrics und fand, dass diese nicht nur Stroh, sondern auch Holz, Erde, Metalle, ja sogar Öl und Wasser anziehen. Diese Beobachtungen führten ihn zur Erfindung des Elektroskops. Er stellte auch fest, dass magnetische Kräfte durch Flammen hindurch wirken, während die elektrische Anziehung durch Feuer unterbrochen wird. «De magnete» wurde anfänglich in Gelehrtenkreisen nicht stark beachtet, bis dann Galilei, Kepler sowie Bacon das Werk rühmten. Auch am Hof der Königin Elisabeth I. musste Gilbert seine Experimente vorführen.
Über das Leben Gilberts weiss man leider sehr wenig. Er wurde am 25. Mai 1540 in Colchester geboren, studierte in Cambridge und wurde 1569 Doktor der Medizin. Nach 3 Reisejahren liess er sich 1573 als Arzt in London nieder. Er spielte bald eine wichtige Rolle unter den Ärzten, wurde Verwalter, dann Schatzmeister und schliesslich Präsident des Royal College of Physicians. Königin Elisabeth I. ernannte ihn im Februar 1601 zu ihrem Leibarzt. Nach ihrem Tod im Februar 1603 berief auch Jakob I. ihn als Leibarzt. Damit Gilbert seine Forschungen weiterbetreiben konnte, wurde ihm vom Hof alljährlich eine Gage ausbezahlt.
Neben seinen Arbeiten auf dem Gebiete der Physik werden ihm auch einige astronomische Berichte zugeschrieben. Gilbert starb am 10. Dezember 1603 in London und wurde in der Dreieinigkeitskirche zu Colchester beigesetzt. Er war unverheiratet und hat seine Werke und Globen dem Ärzte-College in London vermacht. Dort gingen sie während der Pestzeit (1665) und beim Brand von London (1666) unter.