(1841–1912)
In der Technik ist es gar nicht selten, dass eine Erfindung der Zeit vorauseilt und wieder in Vergessenheit gerät. So erging es auch dem Italiener Antonio Pacinotti, der, angeregt durch Vorlesungen des Prof. Felicis über «Elektrologie und Magnetismus», sich mit den damaligen zwei grossen Problemen der «Elektrologie» befasste, nämlich dem Problem der «dynamischen Generatoren» und dem des «Messens elektrischer Ströme». Nach Erlangen des Doktorhutes der Physik an der Universität zu Pisa (1859) konstruierte er als Erster 1860 eine kleine «magneto-elektrische Maschine» auf dem Prinzip des Ringankers. 1865 publizierte er seine Arbeiten, und die kleine «macchinetta» wurde an verschiedenen Ausstellungen, so 1873 in Wien, 1881 an der berühmten Elektrizitätsausstellung in Paris und schliesslich 1884 in Turin gezeigt, mit Diplomen bedacht und prämiert. Ein eigentlicher Erfolg war aber Pacinotti nicht beschieden, umso weniger als er, ein typischer Wissenschaftler mit natürlicher Bescheidenheit, diesen auch gar nicht suchte. Demgegenüber gelang es dem belgischen Praktiker Zénobe Gramme, der wahrscheinlich unabhängig von der Arbeit Pacinottis 1871 ebenfalls eine Ringankermaschine baute, für seine Erfindung Geldgeber zu finden. Das führte dazu, dass Gramme, zwar zu Unrecht, aber weitherum als der Erfinder des Ringankers (Grammscher Ring) gefeiert wurde.
In Italien hat man Pacinottis Leistungen stets gewürdigt. Pistoia, dessen Bürger er war, und Pisa, wo er meistens lebte, ehrten ihn 1911, zur Feier des 50. Jahrestages seiner Erfindung, indem sie ihn zu ihrem Ehrenbürger ernannten. 1905 wurde er Senator. Auch international kamen ihm dann Ehrungen zu, so vonseiten des Institute of Electrical Engineers in London und des American Institute of Electrical Engineers. Zahlreiche technische Schulen Italiens tragen zu seinen Ehren die Bezeichnung «Istituto Pacinotti». 1934, anlässlich der 75-Jahr-Feier seiner Erfindung, und 1962 zur Erinnerung an den vor 50 Jahren zu Pisa erfolgten Tod hat die italienische Postverwaltung besondere Pacinotti-Briefmarken herausgegeben, eine Technikern recht selten zuteil werdende Ehrung.
Die Erfindung Pacinottis liegt nun mehr als 140 Jahre zurück. Sie hat den Grundstein gelegt zur heute selbstverständlich gewordenen Industrialisierung, die ohne den Elektromotor nie dieses Ausmass und diese Vollkommenheit erlangt hätte. Es tut seinen Verdiensten aber keinen Abbruch, wenn wir feststellen, dass, hätte Pacinotti seine «macchinetta» nicht gebaut, das Problem, das «in der Luft» lag, doch von einem andern gelöst worden wäre und auch gelöst worden ist.