(1736–1813)
Dass es im 18. Jahrhundert an den Höfen zum guten Ton gehörte, Wissenschaftler von Rang zu berufen, und dass dabei ein regelrechter Wettstreit stattfand, hat wohl dazu beigetragen, dass die Wissenschaften, vorab die mathematisch-naturwissenschaftlichen, gerade in jener Zeit mächtig gefördert wurden. Auch Lagrange, der zu den ganz grossen Mathematikern zu zählen ist, konnte von diesen Umständen profitieren.
Hatten Descartes, Leibnitz und Newton die physikalischen Prinzipien erforscht, so bemühten sich die Mathematiker des 18. Jahrhunderts, die Probleme mathematisch zu lösen. Im Gegensatz beispielsweise zu Euler und den Bernoullis trachtete Lagrange danach, ganz allgemein gültige Lösungen zu finden, wobei er sich nur rein abstrakter Methoden bediente. Zu seinen hauptsächlichen Verdiensten zählen die Theorien über partielle Differenzialgleichungen, Variationenrechnungen, Reihenentwicklungen (Lagrangesche Reihen), Zahlentheorie und Wahrscheinlichkeitsrechnungen.
Die aus der Touraine stammende, noch mit Descartes verwandte Familie Lagrange war nach Turin ausgewandert, wo die Vorfahren als Offiziere am savoyischen Hof dienten. Joseph Louis de Lagrange wurde am 25. Januar 1736 ebenda geboren. Anfangs ohne ausgeprägte Neigungen, begeisterte er sich plötzlich an einer Abhandlung über Mathematik und wurde schon mit 19 Jahren Professor an der Artillerieschule in Turin. Er publizierte oft Arbeiten, erhielt Kontakt mit anderen Gelehrten und gründete die Turiner Academie. Auch mit Euler wurde er bekannt; dieser setzte sich dafür ein, dass Lagrange Mitglied der Berliner Academie wurde.
Als Katharina von Russland Euler nach Petersburg kommen liess, war Lagranges Ruf bereits gefestigt. Friedrich der Grosse meinte daher, «der grösste Mathematiker solle am Hof des grössten Königs sein», und berief Lagrange, der in der Berliner Academie als Nachfolger Eulers deren Präsident wurde. Nach Friedrichs Tod erhielt Lagrange 1787 einen Ruf von Ludwig XVI. nach Paris. Während seiner Pariser Zeit setzte er sich, was für die Technik von besonderer Bedeutung ist, in seiner Eigenschaft als Präsident der beratenden Kommission mit Nachdruck für die Einführung neuer Masssysteme, Dezimalsysteme und speziell auch für das metrische System ein. Dank seinen Bemühungen wurden diese Vorschläge 1790 von der Academie gutgeheissen. Lagrange blieb über alle Stürme der Revolution und Gegenrevolution in Paris. Sein Ansehen war so hoch, dass ihm die Regierungswechsel nichts anhaben konnten. An der Ecole polytechnique zu Paris war er einer der hervorragendsten Lehrer. Napoleon verlieh ihm den Titel eines «Comte de l'Empire».
Am 10. April 1813 starb er im Alter von 77 Jahren. Seine Gebeine sind im Pantheon beigesetzt.