(1873–1961)
Bis die uns heute selbstverständlich erscheinende elektrische Zugsbeleuchtung sich durchzusetzen vermochte, wurde vieles versucht. Mit kümmerlichem Kerzenlicht und rauchenden Petrollampen hatte man angefangen. Die in Deutschland entwickelte Pressgasbeleuchtung, die sich grosser Beliebtheit erfreute und im Ausland weitgehend Eingang gefunden hatte, wurde 1924, nach dem Eisenbahnunglück in Bellinzona, in der Schweiz wegen der Brandgefahr verboten; sie ist seither praktisch ganz von der Bildfläche verschwunden.
Erste Versuche mit elektrischer Beleuchtung aus Batterien gehen auf die Jahre 1888/89 zurück. Aber dieser Betrieb befriedigte des umständlichen Ladens wegen nicht. 1898 versuchte man bei einem Wagen der Gotthardbahn, die Batterie während der Fahrt durch einen von einer Achse aus angetriebenen Generator zu laden. Diese Anordnung stellte aber hohe Ansprüche an die Spannungsregulierung, denen verschiedene im Ausland entwickelte Systeme nicht genügten.
Einem Schweizer gelang es, eine brauchbare Lösung des Problems zu finden. Der am 20. Juni 1873 als Sohn des Werkführers der Hauptwerkstätte der Schweizerischen Centralbahn in Olten geborene Hermann Kull interessierte sich von Jugend an für die Technik. Schon mit 13 Jahren baute er sich eine Dampfmaschine und wenig später eine Dynamomaschine. 1894 verliess er das Technikum Winterthur mit den Diplomen als Maschinen- und Elektrotechniker. Wegen des Todes seines Vaters war es ihm nicht möglich, am Eidgenössischen Polytechnikum weiterzustudieren. Er trat in die Hauptwerkstätte der Centralbahn ein, wo er schon seine Lehre absolviert hatte, und widmete sich der elektrischen Zugsbeleuchtung. Dort entwickelte er einen zweipoligen Nebenschlussgenerator, dessen Erregerstrom durch einen angebauten Zentrifugalregler entsprechend der Fahrgeschwindigkeit eingestellt wurde, wobei die Batterieladung bei 23 km/h einsetzte, bei 45 km/h die maximale Leistung erreichte und dann mit zunehmender Geschwindigkeit bis auf zwei Drittel dieses Wertes sank (bei 100 km/h). Seine Einrichtungen bewährten sich, und die soeben gegründeten SBB, die Jura-Simplon-Bahn und die Gotthardbahn bestellten 160 Ausrüstungen. Da die Werkstätte Olten nicht für solche Serienaufträge eingerichtet war, erwarb BBC die Fabrikationsrechte.
Hermann Kull war aber nicht einseitig Techniker. Er spielte Violine, war Mitbegründer des Orchestervereins, und als naturverbundener Bergsteiger half er bei der Gründung der Sektion Olten des Schweizerischen Alpenclubs. Der Gemeinde Olten diente er in der Baukommission und stand der Elektrizitäts- und Wasserversorgung vor.
Seiner glücklichen Ehe entsprossen drei Töchter und ein Sohn, der zur Freude des Vaters als Elektroingenieur einen eigenen Fabrikationsbetrieb gründete. Hermann Kull starb hochbetagt am 3. Juni 1961.