Veranstaltung vom 18.5.2006
Bereits zum vierten Mal luden der Fachverein AMIV und Electrosuisse zur Soirée électrique an der ETH Zürich ein. Die grosse Schar an Zuhörern zeigte, dass der Abend über Brown und Boveri und ihre Firma auf Interesse stiess, wobei dieses Mal aus wohl offensichtlichen Gründen die ältere Generation etwas mehr vertreten war.
Durch den Abend führten dieses Mal zwei Referenten, die beide über lange Jahre bei ABB tätig waren: Einerseits Norbert Lang, ehemaliger Entwicklungsingenieur und Fachlehrer bei ABB, der ein Buch über die Geschichte der ABB verfasst hat, und andererseits Albert Kloss, langjähriger Mitarbeiter, der neben Veröffentlichungen im Bereich Leistungselektronik auch mehrere Bücher, darunter die 'Geschichte des Magnetismus', geschrieben hat.
Norbert Lang zeigte eine Serie von Zeitdokumenten, die das Leben von Charles Brown und Walter Boveri eindrücklich schilderten. Viel Wert legte er neben der geschichtlichen Aufarbeitung auf verschiedene Anekdoten, die die beiden Persönlichkeiten den Zuhörerinnen und Zuhörern auf angenehme Art und Weise näher brachten.
Charles Brown stammte aus einer bürgerlichen Familie. Er wurde 1863 als ältestes von sechs Kindern geboren. Die Erwähnung, dass seine vier Schwestern alle mit Ingenieuren aus dem Umfeld der Familie verheiratet wurden, sorgte für einiges Schmunzeln im Publikum...
Sein Vater zeichnete sich als ausgezeichneter Erfinder und Entwickler aus. Er entwickelte z.B. ein Fahrrad, das ohne Ketten auskam, was bei den Damen auf grossen Anklang stiess, da sie nicht mehr um ihre Röcke zu fürchten hatten. Brown Senior sah die Elektrotechnik als zukünftigen Ersatz zur Dampftechnik und förderte seine Söhne in diesem Bereich.
Nachdem Charles Maschinenbau studiert hatte, stieg er zusammen mit seinem Vater 1884 bei der Werkzeug- und Maschinenfabrik Oerlikon ein, wo sie die elektrotechnische Abteilung aufbauten. Charles konnte bald Erfahrung mit seinem ersten Projekt, dem Bau einer acht Kilometer langen Stromleitung von Kriegstetten nach Solothurn sammeln; eine Leistung, die bis dahin noch niemand mit einem Übertragungswirkungsgrad von 75% erbracht hatte. Bereits hier zeigte sich seine Umsichtigkeit, legte er doch grossen Wert auf Redundanzen unter Einbezug des Blitz- und Überspannungsschutzes sowie der Erdung. Die amerikanische Fachpresse schrieb lobend darüber und verschaffte ihm internationales Ansehen. Nach dem Weggang seines Vaters übernahm Charles die elektrotechnische Abteilung.
Walter Boveri, geboren 1865 in Bamberg, stiess 1885 als Praktikant nach seinem Studium als Maschineningenieur zur Werkzeug- und Maschinenfabrik Oerlikon, wo er bald zum Montageleiter aufstieg und dank seiner Sprachbegabung in Europa herumkam. Dabei erkannte er das Potenzial der Elektrifizierung, und ihn ihm wuchs die Vision eines eigenen Elektrounternehmens.
So kam es, dass sich Charles Brown und Walter Boveri 1885 in Oerlikon trafen. Eine alte Abbildung zeigte die Firma mit lauter schwarz rauchenden Kaminen – was zur damaligen Zeit eine florierende Firma repräsentierte, wie Lang ausführte. Dass sich eine heutige Firma wohl kaum je so präsentieren würde, versteht sich von selbst.
Boveri war mit seinem Wunsch nach einem eigenen Unternehmen die treibende Kraft, die 1891 zusammen mit Charles Brown zur Gründung der 'Brown, Boveri & Cie.' in Baden führte. Die Wahl fiel nicht zufällig auf diesen Standort, machten doch die Stadtväter von Baden den beiden Ingenieuren diesen mit mehreren Argumenten schmackhaft. Neben dem grossen Potenzial an Arbeitskräften in der damals noch nicht industrialisierten Stadt und viel unverbautem Land überzeugte, wie Lang betonte, vor allem der letzte 'Trumpf', nämlich zugleich noch den ersten Auftrag zu erhalten: die Hotels der Stadt Baden zu elektrifizieren. Der Bau des Limmat-Kraftwerkes, inklusive Aushub des Kanals, vollzog sich innerhalb eines einzigen Jahres. Diese beachtliche Leistung zeigt offensichtlich, dass die 'gute alte Zeit' zwar 'gut', aber nicht gemütlich und langsam war!
Wie auch heute für viele Start-ups noch ein Problem, so fehlte auch zur Gründung der Firma BBC das notwendige Kapital. Boveri bekam Absage um Absage bei seinen Kreditanfragen. Wie gut, als er die Tochter eines reichen Textilunternehmers kennen lernte und nach der Heirat einen Kapitalvorschuss seines Schwiegervaters im Umfang von CHF 500'000.– bekam!
Brown als Erfinder und Konstrukteur einerseits und Boveri als Unternehmer andererseits ergänzten sich hervorragend. 1894 wurde in Amerika die Schweiz als 'present electrical centre of europe' gelobt. Bereits 1895 wurde die tausendste Maschine ausgeliefert und 1900 die BBC in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.
Die Firma BBC zeigte sich stets innovativ und verdiente durch ihre Patente auch mit den Lizenzen. In Frankfurt angelte sie sich unter grossen Protesten von AEG und Siemens den Auftrag, das erste dortige Kraftwerk zu bauen. Grund dafür war auch, dass sich Brown 1891 in Frankfurt an der 'internationalen elektrotechnischen Ausstellung' einen Namen gemacht hatte. Vorwände der Konkurrenten, die BBC könne den Support nicht innert kürzester Zeit gewährleisten, wurden mit einer eigens vor Ort installierten Service-Werkstätte entkräftet. Damit legten Brown und Boveri gleichzeitig den Grundstein für die spätere BBC Mannheim.
Browns Interesse an neuen Technologien zeigte sich auch durch den Besitz eines frühen Fluggleiters. Diesen hatte er zwar nie geflogen, aber es war ihm wichtig, einen zu besitzen! Lang wies darauf hin, dass wegen Browns Kurzsichtigkeit das Fliegen wohl kein Erfolg geworden wäre.
Charles Brown verliess die BBC 1911, Walter Boveri amtete bis zu seinem Tod als Verwaltungsratspräsident. Beide starben im Jahr 1924.
Die heutige ABB geht aus der Fusion der BBC und der schwedischen Asea von 1988 hervor. Ihr Erfolg basiert nicht zuletzt auf dem gesunden Fundament und dem grossen Selbstvertrauen der Gründer. Hierzu ein Zitat von Brown: 'Ich hätte alles werden können: Musiker, Bildhauer, Maler, ich wäre immer ein grosser Mann geworden.'.
Patrick Blösch und Peter Friedli, Studenten ITET/ETH